Stiftung

Wissenschaftlerinnen fördern.

Wissenschaftlerinnen ermutigen.

 

“Mit unserer Förderung geben wir den Stipendiatinnen (auch) eine moralische Unterstützung, indem wir ihnen zutrauen, in ihrem Beruf erfolgreich zu sein, obwohl sie durch ihre Kinder zeitlich stärker angespannt sind als ihre kinderlosen Kolleginnen.” 

– Christiane Nüsslein-Volhard anlässlich des 20-jährigen Bestehens der CNV-Stiftung

20 Jahre Christiane Nüsslein-Volhard-StiftungSymposium, Berlin 13. September 2024Harnack-Haus der Max-Planck-GesellschaftChristiane Nüsslein-Volhard - MPI für Biologie Tübingen©2024 Martin Walzwww.martinwalz.de

Über uns

Wissenschaft fördern. Talente stärken. Chancengleichheit schaffen.
2024-CNV-MW-258

Über die Stiftung

Die CNV-Stiftung ermöglicht jungen Müttern wissenschaftlich auf hohem Niveau tätig zu sein.

Christiane_Nuesslein_Volhard_© Max-Planck-Gesellschaft / Wolfgang Filser

Gründung 2004

Wir hoffen, mit unserer Stiftung dazu beizutragen, dass sich in Zukunft mehr hochqualifizierte Frauen an der Spitzenforschung in Deutschland beteiligen.

C. Nüsslein - Volhard  Angela  Merkel  Julia  Fischer  Patrick Cramer  Maria Leptin    Das Viatores Quartett  Stipendiatinnen:  Elsbeth Stern  Mareike Albert  Bonnie Murphy  Silvia Spezzano  Birgit Weber

20-jähriges Jubiläum

Im Herbst 2024 wurde das 20-jährige Bestehen der Stiftung mit einem großen Festakt gewürdigt.

Über die Stiftung

Die CNV-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung macht es sich zur Aufgabe, begabten Frauen mit Kindern den Berufsweg zur Wissenschaftlerin zu erleichtern. Wir möchten Doktorandinnen und Postdoktorandinnen fördern, indem wir finanzielle Zuschüsse für Kinderbetreuung und Hilfe im Haushalt zur Verfügung stellen. Damit gewinnen die jungen Mütter mehr Zeit und Flexibilität für ihre wissenschaftliche Arbeit.

Wissenschaft zu betreiben ist ein anspruchsvoller und besonderer Beruf, der sowohl hohe Begabung als auch großes Interesse, Leidenschaft, Fleiß und frühe Selbständigkeit erfordert. Um das für eine erfolgreiche Karriere notwendige Profil zu erreichen, sind Mobilität und Freiheit in der Wahl des geeigneten Umfelds notwendig, dazu vor allem viel ungebundene Zeit, um eigenständige Forschungsarbeiten von hoher Qualität zu erstellen. Bei Wissenschaftlerinnen, die Kinder haben, werden Zeitnot und Einschränkung der Freiheit praktisch unausweichlich zu einem großen Problem. Längere Berufsunterbrechungen oder Teilzeitjobs sind risikoreich, da ein Wiedereinstieg unter Umständen nicht gelingt, das Versäumte nicht aufgeholt werden kann, und ein großer Teil der bereits erworbenen Kompetenz inzwischen nutzlos geworden sein mag. Wir möchten jungen talentierten Frauen, die es wirklich ernst mit ihrem Beruf meinen, helfen, die Zeit der doppelten Belastung durchzustehen und trotzdem gute Forschung zu leisten.

Die Stiftung richtet sich an hervorragende Wissenschaftlerinnen in Fächern der experimentellen Naturwissenschaften und der medizinischen Grundlagenforschung. Die CNV-Stiftung fördert Doktorandinnen ab dem zweiten Jahr der Promotion und deren Doktorarbeit sich noch in der praktischen Phase befindet. Bei den Postdoktorandinnen möchten wir bevorzugt jene fördern, die nach der Promotion ihr Arbeitsgebiet gewechselt haben. Eine Förderung der Fortsetzung des Projekts der Doktorarbeit muss überzeugende Gründe haben, die im Begleitbrief dargelegt werden sollten. Bewerben können sich Doktorandinnen und Postdoktorandinnen aller Nationalitäten, die an Hochschulen und Forschungsinstituten in Deutschland forschen, sowie Postdoktorandinnen, die an einer deutschen Universität promoviert wurden und ihre Forschung im Ausland fortführen. 

Es werden Mittel zur Verfügung gestellt, die eine Entlastung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung ermöglichen sollen. Diese Mittel können z.B. zur Einstellung von Haushaltshilfen, Anschaffung von Geräten wie Spül- oder Waschmaschine und zusätzlicher Kinderbetreuung verwendet werden (z.B. Babysitter in den Abendstunden oder während Reisen zu Tagungen). Die Mittel dienen nicht der Finanzierung des Lebensunterhalts der Stipendiatin und ihrer Familie. Dieser muss bereits abgesichert sein. Auch wird vorausgesetzt, dass die Stipendiatin während des Förderzeitraums vollzeitig arbeitet und eine ganztägige Betreuung des Kindes/der Kinder durch eine Tagesstätte oder Tagesmutter gewährleistet und finanziert ist.

Gründung der Stiftung 2004

Christiane Nüsslein-Volhard anlässlich der Gründung der CNV-Stiftung

Wissenschaft zu betreiben ist ein sehr anspruchsvoller und besonderer Beruf, der sicher nicht allen liegt, und frühe Selbständigkeit erfordert. Das heißt, dass früh in der Karriere bereits die eigenen Ideen und deren Verfolgung und Ausarbeitung eine große Rolle spielen. Bereits bei der Dissertation kommt es entscheidend darauf an, selbst zu bestimmen, was getan, was gelassen wird. Der Wettbewerb ist groß, und es gibt immer mehr zu tun, als man leisten kann und möchte. Ein Beruf also, der hohen Einsatz und hohe Motivation erfordert, abgesehen von Begabung, Originalität und Intelligenz.

Die Notwendigkeit ein eigenes Profil zu gewinnen, nimmt im Laufe der Karriere zu. Während die Dissertation wenigstens thematisch noch stark dem Betreuer angerechnet wird, ist die Wahl des Postdoktorandenprojekts und seine Ausführung ganz die eigene Sache, und in der ersten Selbständigkeit entscheidet sich, ob die Wissenschaftler dabei bleiben werden können. Ein 10-14 Stunden-Tag und regelmäßige Laborpräsenz auch am Wochenende sind unter experimentell arbeitenden Wissenschaftlern durchaus üblich.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Fellows in englischen Colleges nicht verheiratet waren, das Zölibat wurde wohl verordnet, damit sie ihre ganze Arbeitskraft und Energie der Wissenschaft widmen konnten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als es die ersten Professorinnen gab, waren diese selbstverständlich nicht verheiratet, und ihr Haushalt wurde von einer Hauswirtschafterin geführt. Männliche Wissenschaftler hatten in der Regel eine Ehefrau, die nicht berufstätig war, und man hatte ja damals noch Dienstboten.

Jetzt sind Dienstboten unüblich und fast nicht bezahlbar. Im Idealfall macht der Mann in einer Partnerschaft im Haushalt mit. Wenn Kinder da sind, ist die körperliche und zeitliche Belastung der Frau generell höher, und die Zeitnot wird für sie praktisch unausweichlich zu einem Problem. Um selbständige Positionen in Forschung und Lehre zu bekommen, ist es einfach notwendig, ein gewisses Oeuvre vorweisen zu können, das man bei zu großer familiärer Ablenkung nicht in genügendem Maße zu bringen in der Lage sein mag. Dieses Problem wird nicht selten dadurch gelöst, dass die Frau ihre Karriere der des Mannes unterordnet, das heißt, einen Berufsweg sucht, bei dem sie Familie und Beruf besser verbinden kann einen Beruf, der weniger Energie, weniger Einsatz, weniger Zeitaufwand bedeutet, als der einer selbständigen Wissenschaftlerin. Oder sich ganz gegen Kinder entscheidet. Von Männern ist solch eine Entscheidung in der Regel nicht gefordert, bei den meisten von ihnen ist in der Regel Kinder haben oder nicht haben unbedeutend für die Karriere.

Das sind gewichtige Gründe dafür, dass es sehr wenige Frauen in Führungspositionen gibt, und dass diese sehr viel häufiger kinderlos sind als ihre männlichen Kollegen.

Teilzeit und Berufsunterbrechungen können die Karriere gefährden Häufig wird gefordert, für Frauen und auch für Männer mehr Teilzeit zu ermöglichen. Auch Erziehungsurlaub mit garantiertem Wiedereinstieg wird propagiert. Das mag in Einzelfällen der richtige Weg sein, oder für kurze Zeit Erleichterung verschaffen. Auch eine längere Krankheit muss ja nicht das berufliche Aus bedeuten, und starke Beanspruchung durch andere Aufgaben, wie Nebentätigkeiten in Firmen, oder Ehrenämter, oder sportliche Hobbies, die zeitraubend sind, lassen sich ja auch bei Männern mit der Berufstätigkeit vereinbaren. Nur ist zu bedenken, dass es sich bei den Tätigkeiten eines Wissenschaftlers um größtenteils individuelle und nicht durch andere ersetzbare handelt. Für solch eine Karriere gilt: es ist das eigene Projekt, das leidet, nicht das des Chefs. Jobsharing geht deshalb oft nicht, weil man die Beobachtungen selbst machen muss, die Bücher selbst lesen muss und nicht erzählt bekommen kann. Der "Halbtags" Doktorandin wird nur das langweiligste Projekt angeboten werden, das keine Eile fordert, sie wird dann in der Gruppe bald nicht mehr für voll genommen werden. Manche Experimente lassen sich gar nicht in einer Teilzeitbeschäftigung durchführen. Längere Berufsunterbrechungen sind gefährlich, da ein Wiedereinstieg unter Umständen nicht gelingt, das Versäumte nicht aufgeholt werden kann, und viel der bereits erworbenen Kompetenz nutzlos geworden sein mag. In der Wissenschaft geht es sehr zügig voran (das ist allerdings sicher in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich), und zwei oder mehr Jahre auszusetzen kann das Aus bedeuten. Natürlich gibt es ungeheuer begabte Leute, die trotzdem wieder in den Beruf kommen, aber ein Neustart ist schwierig, und die Defizite müssen durch übergroße Disziplin und Fleiß kompensiert werden.

Beispiele aus anderen individualistischen Berufen mögen das besser illustrieren: eine Tennisspielerin, die nur halb so viel trainiert wie ihre Kumpaninnen, wird bald nicht mehr in den Turnieren des Clubs mitspielen dürfen. Eine Künstlerin, die zwei Jahre keine Bilder gemalt hat, wird lange keine Ausstellung machen können, und muss um ihren Namen bangen. Eine Musikerin kann, ohne viel zu üben, einen Halbtagsjob der 2. Geige eines Orchesters übernehmen, aber für die Konzertmeisterin ist das nicht möglich, weil sie über individuelle Erfahrungen und Fertigkeiten verfügt, die sie unersetzbar machen. In der Wissenschaft wird, was die Qualität der Forschungsergebnisse anbetrifft, kaum ein Zugeständnis an den individuellen Lebenslauf gemacht werden können. Es ist allerdings weniger problematisch, sich bei der Quantität der Leistungen auf flexible Zeiträume einzustellen.

Muss Wissenschaft und Familie sich wirklich gegenseitig ausschließen? Sicher gibt es viele Frauen, die einfach durch die zu erwartende übergroße Arbeitslast abgeschreckt werden von einem Beruf, den sie sonst mit Spaß und Kreativität ausüben könnten und wollten. Ist es gerecht, dass wegen der generell größeren Familienpflichten viele Frauen ein so viel höheres Maß an Motivation und Energie aufbringen müssen? Die Qualifikation zur wissenschaftlichen Karriere ist, biologisch gesehen, ganz unabhängig von der zur Mutterschaft. Gibt es Wege, Frauen diese Entscheidung nicht abverlangen zu müssen, sondern (mehr oder weniger wie bei Männern) allein Eignung, Neigung und Leistung über den Berufsweg zur Wissenschaft entscheiden zu lassen?

Kinder haben ist nicht nur anstrengend und zeitraubend, es ist auch beglückend, und wird von den Frauen, die erfolgreich Karriere gemacht haben, als durchaus lohnend und Gewinn bringend angesehen. Es gibt hervorragende Kindertagesstätten, und es ist unter günstigen Umständen für die Kinder sogar besser, einen großen Teil der Zeit zusammen mit anderen gleichaltrigen Kindern von professionellen Erziehern betreut zu werden, als alleine von einer möglicherweise frustrierten und unzufriedenen Mutter. Die Beteiligung der Väter bei der Kinderbetreuung hat in jüngster Zeit zugenommen, was nicht nur wegen der Entlastung der Frau, sondern auch im Interesse der Kinder sehr zu begrüßen ist.

Allerdings: Auch wenn ganz klar ist, dass auch jemand anderes den Boden putzen, die Wäsche waschen, das Kind wickeln und die herunter gefallenen Bauklötze aufsammeln kann, das Ganze ist teuer! Ausreichend subventionierte Plätze in Kindertagesstätten, die lange Öffnungszeiten und wenig Ferien haben, sind selten. Aber das ist es ja nicht allein, was Kosten verursacht. Es muss eingekauft, gekocht, geputzt, geflickt werden - kurz, der gesamte Haushalt ist belastet. Und Zeit ist Geld, könnte man sich wie früher Kindermädchen oder Haushaltshilfen leisten, wäre alles halb so wild. Dazu kommt in Deutschland etwas ganz Paradoxes: Wenn die Kinder groß sind, haben die Eltern in der Regel genug Geld. Aber sie brauchen es gar nicht: In Deutschland sind Studium und Schule frei. Wenn die Kinder klein sind, sind die Eltern häufig arm und die Kinderbetreuung ist keineswegs frei, noch nicht mal leicht zu haben, wie in anderen Ländern. Sie ist enorm teuer.

Es zeichnet sich in Deutschland ein Trend ab, der nicht günstig ist: das mittlere Alter der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder nimmt signifikant zu. Bei Wissenschaftlerinnen liegt es bei 32 Jahren. Es ist zu vermuten, dass viele Frauen in dem Alter, in dem Kinder bekommen, eher der natürlichen Disposition entspricht, diesem Wunsch nicht nachgeben, weil sie sich das nicht leisten zu können glauben. Es ist auch in diesem Beruf nicht eindeutig klar, in welchem Stadium der Karriere eine Unterbrechung, oder ein langsamer Treten, am günstigsten ist. Hat man bereits eine eigene Gruppe und ist selbständig, so ist es vergleichsweise einfach, Laborarbeit zu delegieren, aber die Führung der Mitarbeiter erfordert hohe Präsenz, und die Notwendigkeit, das eigene Profil durch unabhängige Beiträge in Publikationen und Kongressen zu etablieren, ist imperativ. Als Postdoktorandin ist man bereits wesentlich alleine verantwortlich für das Projekt, an dem auch die eigene Originalität, die entscheidend für den weiteren Berufsweg ist, gemessen wird. Vielleicht ist das Studentendasein oder das als Doktorandin der günstigere Zeitpunkt, auch weil das Projekt noch nicht ganz das eigene ist sondern in erheblichem Maße dem Betreuer angerechnet wird. Wenn nicht die Geldknappheit wäre.

Die CNV-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung macht es sich zur Aufgabe, jungen begabten Frauen mit Kindern den Berufsweg zur Wissenschaftlerin zu erleichtern. Sie richtet sich vor allem an hervorragende angehende Wissenschaftlerinnen in den experimentellen Naturwissenschaften und der Medizin, die wegen der zusätzlichen Belastungen durch Kind/er ihren Berufsweg als Wissenschaftlerin gefährdet sehen. Die CNV-Stiftung fördert Wissenschaftlerinnen aller Nationalitäten, die in deutschen Universitäten und Forschungsinstituten als Doktorandinnen forschen. Es werden Mittel zur Verfügung gestellt, die eine Entlastung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung ermöglichen sollen, um Zeit für die wissenschaftliche Arbeit zu gewinnen.

Wir hoffen, mit unserer Stiftung dazu beizutragen, dass sich in Zukunft mehr hochqualifizierte Frauen an der Spitzenforschung in Deutschland beteiligen.

20 Jahre CNV-Stiftung im Jahre 2024

Ich liebe meinen Beruf als Forscherin und bin davon überzeugt, dass ich ohne meine Forschung ziemlich unglücklich geworden wäre.

Christiane Nüsslein-Volhard anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der CNV-Stiftung

Liebe Freunde der CNV-Stiftung, liebe Stipendiatinnen, meine Damen und Herren, ich heiße Sie herzlich willkommen und freue mich sehr, dass Sie so zahlreich gekommen sind, um mit uns das 20-jährige Bestehen unserer Stiftung zu feiern. Besonders begrüßen möchte ich Frau Angela Merkel, unsere ehemalige Bundeskanzlerin, und Patrick Cramer, den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, die nach mir zu Ihnen sprechen werden.

Die CNV-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung wurde von mir zusammen mit Maria Leptin 2004 gegründet. Maria ist seit zwei Jahren Präsidentin des European Research Council, sie wird auch sprechen. Dritte im Bunde damals war Frau Brigitte Mühlenbruch, die das Centrum für Excellence for Women in Science in Bonn leitete und bei den Gründungsformalitäten wertvolle Hilfe leistete. Leider kann sie heute nicht dabei sein. Der Stiftungsvorstand hat sich inzwischen erweitert mit Gerlind Wallon von EMBO in Heidelberg und Barbara Bludau, die lange Generalsekretärin der MPG war. Ich begrüße Reinhard Jahn und Regine Kahmann, die uns bei der Auswahl der Stipendiatinnen unterstützen, sowie Julia Fischer und Elsbeth Stern, schon lange Gutachterinnen der Stiftung, die beide über ihre Forschung sprechen werden. Besonders herzlich möchte ich die privaten Förderer begrüßen, die, zusätzlich zur Max-Planck-Gesellschaft, der Bayer AG, L’Oreal und der Schaller-Stiftung, uns durch Spenden bereichert haben und bereichern.

Der Zweck der CNV-Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung. Dies tun viele Stiftungen. Wir fördern ausschließlich Frauen. Auch damit stehen wir nicht allein: Es wurden und werden allenthalben große Anstrengungen gemacht, den Frauenanteil in Spitzenpositionen in Wissenschaft und Politik zu erhöhen. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, als man — wie Max Planck noch vor hundert Jahren — die Neigung zur Wissenschaft bei Frauen für etwas Widernatürliches hielt, das nicht gefördert werden sollte. Wohl gibt es im Leistungssport aus gutem Grund getrennte Riegen nach Männern und Frauen. Aber in Gebieten, wo es auf intellektuelle Fähigkeiten ankommt, denkt heute niemand mehr daran, unterschiedliche Kriterien bei der Beurteilung der Leistungen von Männern und Frauen anzuwenden und niemand zweifelt, dass Frauen sehr gut Wissenschaft machen können. Als ich zu forschen begann, war das nicht so, es gab fast keine Professorinnen. Heute dagegen sind Frauen in Führungspositionen in Wissenschaft und Politik sehr präsent und leisten Hervorragendes. In einigen Bereichen sind Frauen gar in der Überzahl. Es ist zu hoffen, dass spezifische Frauenförderung bald nicht mehr zeitgemäß und notwendig ist, da sie eigentlich die Würde verletzt, als seien Frauen minder bemittelt und hätten eine Sonderbehandlung nötig!

Dennoch: wir fördern weiterhin Frauen, aber ausschließlich Frauen mit Kindern. Denn der einzige wirklich gravierende Unterschied zwischen Männern und Frauen ist die biologische Tatsache, dass die Frauen die Kinder bekommen. Das wird auch weiter so bleiben. Mütter sind größeren körperlichen Belastungen ausgesetzt, die Auszeiten erfordern, als Väter. Das Besondere unserer Stiftung ist, dass durch finanzielle Unterstützung an dem Problem des Zeitmangels angesetzt wird, der es vielen Müttern schwer macht, trotz Kindern ihre eigenständige Forschung erfolgreich durchzuführen.

Als ich 1973 promoviert wurde, gab es fast keine Frauen in Führungspositionen der Wissenschaft. In meinem gesamten Studium ist mir lediglich eine Professorin (in Mathematik) begegnet. Bei meiner Berufung 1984 zur Direktorin der MPG war ich eine von zwei Frauen, die einzige in den Naturwissenschaften. Eine Quote von weniger als 1%! Und das blieb auch so für die nächsten 15 Jahre. Regine Kahmann, die hier ist, war die zweite, sie wurde 2000 berufen.

Diskriminierung? Vorurteile? Ja, sicher, aber nicht nur — es gab damals einfach sehr wenige Frauen, die sich ein wissenschaftliches Profil erarbeitet hatten und Leistungen vorweisen konnten, die sie überhaupt berufbar machten. Allgemein — und das wird oft vergessen — gaben Frauen der Generation meiner Mutter, aber auch noch meiner Generation, mit der Heirat ihren Beruf auf, bekamen Kinder und wurden trotz Berufsausbildung Hausfrauen. Nur mittellose Frauen, meist aus bildungsfernen Schichten “mussten” arbeiten, nur für deren Kinder gab es Hortplätze. Sonst war Berufstätigkeit der Frau nicht “erwünscht”, sie wurde als Unfähigkeit des Mannes, die Familie zu ernähren, angesehen. Frauen, die ihre Kinder in den Hort gaben, galten als Rabenmütter. Auch alleinstehende Frauen hatten Schwierigkeiten, da Männer, die eine Familie zu ernähren hatten, bei Stellenbesetzungen vorgezogen wurden. Das machte es auch mir damals schwer, einen Job zu finden. Es gab kaum weibliche Vorbilder. Ausnahmefrauen, die hohes Ansehen genossen — Marie Curie, Lise Meitner — waren sehr selten. Ich erinnere mich, dass eigentlich alle meine Vorgesetzten mir wenig zutrauten und es sehr mühsam war, durch eigene Entdeckungen ihre Anerkennung zu erlangen. Den Ruf an die MPG erhielt ich sicher nicht weil, sondern obwohl ich eine Frau war, also ausnahmsweise. Damals war es für Frauen noch kaum möglich, ihrem Traumberuf als Forscherin ungehindert und ungebremst nachzugehen.

Ich liebe meinen Beruf als Forscherin und bin davon überzeugt, dass ich ohne meine Forschung ziemlich unglücklich geworden wäre. Damals kannte ich nur eine Wissenschaftlerin mit Kindern – Brigitte Jockusch, die hier ist – sie hatte ein Kindermädchen eingestellt, das sie mit ihrem Gehalt bezahlte. Nur sehr wenige Wissenschaftlerinnen trauten sich eine Familie zu, denn es gab kaum Einrichtungen für Kinderbetreuung, keine Kitas für Kinder unter drei Jahren, aber auch keine Ganztagsschulen.

Ich selbst bin kinderlos, kann aber, spätestens nachdem ich mal eine Woche (noch als Doktorandin) die kleinen Söhne meiner kranken Schwester betreut habe, selbst sehr gut nachempfinden, wie schwer es einer intellektuell anspruchsvollen und ehrgeizigen Mutter fallen muss, für lange zu Hause zu bleiben und auf die Labortätigkeit zu verzichten. Als dann Maria Leptin, Gruppenleiterin in meinem Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, in kurzer Abfolge zwei Kinder bekam und weit und breit keine Kindertagesstätten existierten, beschlossen wir, das war 1991, in unserem Institut eine Kita aufzubauen, die erste in einem Max-Planck-Institut. Mit von der Partie war eine zweite Gruppenleiterin in gleicher Situation im Institut, auch haben meine Kollegen, die die Problematik bald verstanden, mitgeholfen. Eine Gästewohnung wurde dafür bereitgestellt, und Maria und Sigrun kümmerten sich um die Organisation, die Einstellung einer Erzieherin, die Einrichtung, die Regeln. Es gab viel Widerstand, die Finanzierung war schwierig, denn damals gab es keine Zuschüsse für Kinder unter drei Jahren. Es herrschte allgemeiner Konsens darüber, dass Frauen mindestens drei Jahre zu Hause bleiben müssten, alles andere würde den Kindern schaden.

Unsere Tübinger Initiative machte Schule. Inzwischen wird nicht mehr daran gezweifelt, dass eine ganztägige Kita und Schule den Kindern nicht nur keinen Schaden zufügt – man spricht sogar von Kitapflicht. Leider hakt es aber da immer noch an allen Ecken und Enden, wie unsere Stipendiatinnen uns berichten, und gute verlässliche Betreuung und Erziehung der Kinder in den Kitas ist eher Ausnahme als Regel — aber wir haben Hoffnung, dass sich die Situation bessert, denn der politische Wille ist da. Auch wird an manchen Stellen schon ernsthaft überlegt, auch die Kitas, nicht nur Schule und Studium von Gebühren zu befreien, was unseres Erachtens sinnvoll und gerecht wäre.

Die Familiengründung fällt oft in die Zeit der höchsten Beanspruchung im Beruf. Auch viele junge, ehrgeizige Väter, die ihre Familie ernst nehmen, sind heute oft großen Interessenkonflikten ausgesetzt und fühlen sich an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit getrieben. Ähnlich wie bei Künstlern kommt es in der innovativen Forschung sehr auf den individuellen kreativen Einsatz an; zusätzlich zur Begabung werden Erfahrung, Wissen und besondere Fertigkeiten gefordert, die nicht leicht zu ersetzen oder nachzuholen sind. Die große Zeitknappheit, in der sich besonders experimentell arbeitende Wissenschaftler befinden, bedingt, dass Zeiten der schöpferischen Muße, des Probierens, des Spielens, des Schwätzens, Argumentierens und Diskutierens zu kurz kommen.

Mit unserer Stiftung möchten wir Wissenschaftlerinnen mit Kindern praktisch und pragmatisch helfen. Mit einer Förderung für Hilfe im Haushalt und zusätzliche Kinderbetreuung werden Forscherinnen von häuslichen Aufgaben entlastet. Die damit gewonnene Zeit soll ihnen die Möglichkeit geben, trotz der Doppelbelastung weiterhin wissenschaftlich auf hohem Niveau tätig zu sein. Wir veranstalten ein jährliches Symposium, bei dem die Stipendiatinnen ihre Projekte vorstellen und sich im Gespräch austauschen können. Mit unserer Förderung geben wir den Stipendiatinnen eine moralische Unterstützung, indem wir ihnen zutrauen, in ihrem Beruf erfolgreich zu sein, obwohl sie durch ihre Kinder zeitlich stärker angespannt sind als ihre kinderlosen Kolleginnen. In den 20 Jahren haben wir insgesamt mehr als 300 angehende Wissenschaftlerinnen gefördert. 80 davon können an der heutigen Veranstaltung teilnehmen. Wir feiern in Form eines wissenschaftlichen Symposiums, um die Faszination der Wissenschaft an einzelnen Beispielen zu zeigen. Und nun wünsche ich gutes Gelingen und gebe Frau Merkel das Wort.